LAUDATIO zum Friedrich-Baur-Preis 2007

von Hans Christoph Buch

EIN PHILOSOPHISCHER KOPF

Reinhard Knodt ist ein philosophischer Kopf, will sagen: Einer, der sich nicht nur Gedanken macht, sondern diese auch auszudrücken versteht – zwei Eigenschaften, die nur selten zueinander finden. Wir alle kennen und leiden unter Autoren, die vielleicht wirklich etwas zu sagen haben, dies aber nicht artikulieren können, und anderen, die mit wohlgesetzten Worten wenig oder gar nichts zum Ausdruck bringen. Letztere waren und sind die Mehrheit im Kulturbetrieb - ich selbst bin ein lebendes Beispiel dafür. Anders Reinhard Knodt, der keinen Anspruch darauf erhebt, ein Philosoph zu sein, trotzdem aber philosophisch, das heißt: methodisch stringent argumentiert, obwohl oder weil ihm systematische Gedankengebäude ein Gräuel sind. Ein Beispiel dafür ist sein erstes Buch „Das Haus“, das von einer Erbschaft handelt, die, wie gewisse Denksysteme, jeden ruiniert, der in das Labyrinth eintaucht: Ein Horror-Roman, der unter dem Titel: „Freitag der 13. oder Reinhard allein zu Haus“ längst hätte verfilmt werden müssen – doch dafür ist es nie zu spät.

Dass wir Reinhard Knodt heute mit einem Literaturpreis ehren, statt ihm philosophischen Lorbeer zu winden, liegt daran, dass sein Denkansatz stets ein künstlerischer war, weil er sich, lieber als an den großen Menschheitsfragen, an Alltagsbeobachtungen abarbeitet. Es genügt, seine im Reclam Verlag erschienenen „Ästhetischen Korrespondenzen“ zu lesen, wo Knodt postmoderne Einkaufszentren, genannt „Malls“, die aussehen wie ein auf der grünen Wiese gelandetes Raumschiff Enterprise, einer scharfsinnigen Analyse unterzieht und, ohne in billige Globalisierungskritik zu verfallen, zu verblüffenden Einsichten gelangt an der Schnittstelle von Architektur und Ökonomie, Warenästhetik und Konsum. Oder, um ein aktuelles Beispiel zu zitieren, seine Anmerkungen zu Berlins jüngster Bausünde, dem Umbau der Museumsinsel: „Man sollte überhaupt mal prinzipiell fragen, ob man Stararchitekten für Hunderte von Millionen Euro an altes Kulturgut lassen sollte. Wäre es nicht besser, gute Ingenieure und, sagen wir, Steinmetze aus Tschechien zu bestellen, die das Ganze nach alten Plänen reparieren, während sich Chipperfield anderswo ein Denkmal setzt? Man würde dadurch zum einen Geld sparen, zum andern ein Stück Vergangenheit zurückerhalten, und mit diesem die politisch wichtige Fähigkeit zur Reflexion von Zeit. Und schließlich würde man vielleicht einen hervorragenden Chipperfield-Bau an anderer Stelle bekommen.“
Architekturkritik ist ein Aspekt seines Werks, denn Reinhard Knodt hatte immer schon alte Häuser im Visier, die er wie Theaterbühnen bespielt – man denke nur an den Schnackenhof in Röthenbach an der Pegnitz, eine verfallene Villa, die er zum informellen Kulturzentrum und literarischen Salon umfunktioniert hat: Unvergesslich für alle, die mit von der Partie waren, sind die von Knodt inszenierten Sommerfeste am Flussufer, wo er die Tradition der Pegnitz-Schäfer wiederbelebte. Neben den Spielbeinen Literatur und Philosophie hat Reinhard Knodt sich schon früh ein drittes Standbein zugelegt, wie es logisch falsch so schön heißt: Er ist ein begnadeter Festredner – eloquenter als der, der auf zwei Beinen vor Ihnen steht – und ein gefragter Manager und Organisator von Kulturevents, wie man auf neuhochdeutsch sagt. Knodt hat die Nürnberger Literaturtage von einer Provinzposse zu einem richtungweisenden Schriftstellertreffen gemacht, das neue Maßstäbe setzt – im kritischen Dialog mit dem Islam ebenso wie in Gesprächen mit israelischen Autoren, die er sensibel und kenntnisreich leitete. Wer ihn reden gehört hat, weiß, dass seine einführenden Worte zu Lesungen, Ausstellungen oder Konzerten keine Höflichkeitsfloskeln sind und kein inhaltsloses Blabla, weil die von Knodt handverlesenen Autoren und Kritiker, die er nach Franken einlädt, mehr sind als Futter für die Medien oder Manövriermasse für Moderatoren, die mit ihrer Hilfe sich selbst ins rechte Licht rücken. Reinhard Knodt verkehrt auf gleicher Augenhöhe mit Schriftstellern und Intellektuellen, weil er einer von ihnen ist, und in diesem Sinne beglückwünsche ich nicht nur den Preisträger, sondern auch die Bayerische Akademie der Künste zu ihrer Wahl.