Die Kunst und das Netz

Für PEGASUS, Okt. 08

Ich möchte zu Anfang auf das Medium der Sprache und das Handwerkszeug des Schriftsteller hinweisen. Dies deswegen, weil man es schon fast vergessen hat. Es sind 26 Buchstaben, ein Bleistift und ein Blatt Papier. Was wir, die Schreibenden, mit diesen 26 Buchstaben fertiggebracht haben, ist, meine ich, ein bewundernswertes Verhältnis von Aufwand zu Effekt, auf das ich später wieder zurückkommen werde. Aber zunächst ein Zitat

„Seit Anfang 2004 reist der Berliner Medienkünstler Alfred Banze durch den Verbreitungsraum des Banyan-Baumes und macht Performances, Präsentationen und Workshops in Kulturzentren, Hochschulen, Galerien, Festivals und "offroad" in Ateliers, Wohnungen und Cafes. Dabei suchte er Kontakt zu Künstlern der Region und bat sie, Arbeiten zu den Wachstums-Prinzipien dieses Baumes zu entwickeln (Banyanbaum: horizontal und vertikal durch Wurzeln und Luftwurzeln, der größte Baum der Welt er, bzw. sein Geflecht misst gelegentlich bis zu 300 m im Durchmesser). Die Höhe entspricht in etwa der eines dreistöckigen Hauses.

Der Einladung von Alfred Banze sind 70 Künstler aus 25 Ländern gefolgt und haben ihre Beiträge mit auf den Weg gegeben (darunter z.B. Sakarin Krue On (Documenta 12) und Amrit Chusuwan (Biennale Venedig). Fünfzehn stammen aus aus Deutschland, der Rest aus rund zwanzig anderen Ländern). Auf der Grundlage der Beiträge wurden in Workshops mit Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Laien künstlerische „Remixe“ entwickelt, aus Malereien von den Cook-Islands entstanden beispielsweise Videos in Süd-China, aus Lichtinstallationen aus Thailand wurden Fotos in Ghana, etc. Auch eine Überschreitung der einzelnen Kunstgattungen war möglich, neben bildender Kunst wurde auch mit Theater, Tanz und Musik und neuen Medien gearbeitet. Alfred Banze agierte dabei als interkultureller Mediator, zwischen den Intentionen der beteiligten Künstler und den Belangen vor Ort.

Während einige der Kunstwerke während dieser Dialogprozesse förmlich in das Projekt hineinwuchsen, wurden andere unrelevant, eine Form der Selbstjurierung, vergleichbar den Wachstumsprinzipien des Banyan-Baumes.

Alfred Banze baute aus den einzelnen Beiträgen eine verbindende Ausstellungs-Installation. Die Berliner Künstlerin Christine Falk begleitete das Ausstellungsprojekt künstlerisch und organisatorisch. Die Ausstellung zeigt Videos, Malereien, Objekte, interaktive und konzeptionelle Arbeiten der beteiligten Künstler, aber auch die von Kindern, Jugendlichen und Studenten entwickelten Remixe. Die Architektur der Ausstellung ist ebenfalls den Wachstumsprinzipien des Banyanbaumes entlehnt. Mithilfe moderner Kleinstelektronik ist die Ausstellung portabel und kann im Flugzeug transportiert werden, sie wird ausgestattet mit Video-LCD-Playern. Videoprojektoren, Laptops, Roll- und Faltbildern und Texttafeln. Außerdem wird ein Begleitprogramm für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Workshops, Performances und Screenings angeboten. Die Website berichtet über die aktuellen Events. Es erscheint ein Katalog mit einer beigelegten DVD.“

Was in diesem Zitat – es ist eine Projektbeschreibung aus einem Katalog - beschrieben wird, ist die meiner Ansicht nach im Moment fortgeschrittendste Art mit Hilfe des Vernetzungsprinzips „Kunst“ zu bewerkstelligen, also nicht nur zu werben, sondern künstlerisch zu arbeiten, Menschen einzubeziehen und sie quer über den Globus miteinander in ästhetische Beziehung zu bringen. Alfred Banze selber lernte ich kennen, als bei mir ein Bekannter mit einem Film auftauchte und mir vorführte, wie ein Künstler namens Banze in einem Teich in Indien im lehmigem Wasser badend mein Buch rezitierte (bzw. sich vorlesend abfilmen ließ). Es war ein Film, den er überall in deutschen Galerien zeigte. So wird man bekannt, dachte ich und wollte ihn kennen lernen.

Das Banyan- Experiment ist mir deswegen so wichtig, weil es eine völlige Integration vom Bild des Netzwerks – sowohl einer Pflanze wie auch der Technik und künstlerischem Bestreben ist. Anders ausgedrückt: Alfred Banze verfährt nach einem Prinzip des Banyan, nach einem Prinzip, in dem nicht auf der einen Seite die Kunst (also die traditionellen künstlerischen Sparten wie Literatur, Theater, Film, Bildhauerei, Tanz usf.) und auf der anderen Seite die technische Möglichkeit der Vernetzung in den Medien steht, sondern nach einem Prinzip, in dem beides eines ist. In dem Kunst und Netz integriert ist, in dem das Netz selber anfängt zu pulsieren und man - nach dem Muster des Banyan Baumes - entweder ein Teil dieses Prozesses wird - oder draußen bleibt.

Ich will ein anderes Modell zeigen, um klarzumachen, um welchen Kontrast es mir geht. Hier in Nürnberg gibt es zur Zeit ein wachsendes neues Projekt, das sich Zentrifuge nennt. Die Zentrifuge ist ein Versuch der medialen und werbetechnischen Vernetzung von schon existierender Kunst und Künstlern. - Die Grundlage der Idee ist nicht der Künstler, der mit Hilfe der Medien eine neue Art der Vernetzung kreiert, sondern ein Mediengestalter, der begonnen hat, in einer frappierenden Masse und Kombination Künstler und Kunstwerke zu integrieren. Grundlage ist die ehemalige Halle eines Werksgeländes, die für die künstlerischen Zwecke umgebaut wurde. In dieser Halle, die in Zukunft eine ganze Anzahl von Büros, Aufführungsorte und gleichsam wechselnde künstlerische Messestände enthält, wird hier mit hohem Aufwand an Public Relation, Microelektronik und Film- bzw. Computereinsatz etwas entstehen, das uns in seinen Details bisher auch schon bekannt ist – die Nürnberger Szene – nicht nur sie, sondern vielleicht auch eine Reihe neuer Künstler, die sich anschließen. Die Integration erfolgt hier nicht auf der Ebene der Kunst sondern auf der der symbolischen Technik – genauer der Medientechnik. In der Zentrifuge finden sich die Namen wieder, die wir schon kennen – Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Theatermacher, Performancekünstler, Fotografen…
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Der vollständige Text kann angefordert werden bei Reinhard Knodt: RKnodt@aol.com