Reinhard Knodt
Preisrede für Soheil Asefi, Teheran
Nürnberg 12.11.09
gesperrt bis 14.00! Es gilt das gesprochene Wort
Dear Soheil Asefi,
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde,
Es gibt ein prominentes Argument, das besagt, der Menschenrechtsprozess sei eine westliche Rechtsideologie, um Kapitalismus, Freihandel und den American way weltweit auszubreiten. Deswegen führe er nicht etwa zum Frieden, sondern zur Destabilisierung der islamischen Welt, die sich, um nicht völlig überrollt zu werden, seit einer Generation nun fundamentalistisch neu formiert. Ein prominenter Vertreter dieses Arguments ist der bekannte islamische Philosoph Hassan Hanafi aus Kairo. Bei einem internationalen Intellektuellentreffen in Berlin, zu dem Horst Köhler letzten Dienstag vor drei Wochen geladen hatte, betonte Hanafi, die Globalisierung sei nichts anderes, als die weltweite Durchsetzung des Westens. Dieser sei mittlerweile stark genug, sich überall durchzusetzen. Der Rest der Welt habe sich längst ergeben müssen. Vier von fünf Milliarden Menschen fühlten sich gedemütigt.[1]
Man muss sagen, dass Hanafi mit seiner Ansicht nicht allein steht. Auf dem gleichen Treffen sagte etwa auch Nandy Ashis, der bekannteste indische Soziologe und Leiter des Center for the Study of Developing Societies in Neu-Delhi, „dass man die Sache drehen und wenden könne, wie man wolle, am Ende komme im Prozess der Globalisierung eine sich zwar wandelnde, aber doch immer westlich geprägte Moderne“ heraus. „Das, was wir international als „Moderne“ ansehen, „ist eben nichts als der westliche Weg.... „
Liebe Freunde, Soheil Asefi, dem wir heute einen Kranz winden wollen, ist Gegner eines Regimes, das versucht, sich mit inhumanen Methoden, an der Macht zu halten, obwohl seine Zeit vergangen ist. Asefis Leistung besteht in einer seltenen Tugend, die wir als „bürgerlich“ bezeichnen. Ein Bürger ist kein Untertan, sondern ein freier Teilnehmer an einer politischen Gemeinschaft mit bestimmten Pflichten, aber eben auch mit Rechten, etwa denen der körperlichen Unantastbarkeit oder der freien Meinungsäußerung.
Die Regierung in Teheran, sieht sich, wie wir wissen, durch Bürgerechts-Aktivitäten gefährdet. Man leitet aus dieser Gefährdung das Recht ab, jemanden wie Soheil Asefi zu verhaften, zu drangsalieren und mundtot zu machen. Wir fühlen uns hier sehr deutlich daran erinnert – dass auch in Deutschland ein ehemaliges „Revolutionsregime“ – nämlich die alte Revolutionsgarde um Erich Honecker - vor rund zwanzig Jahren ums Überleben kämpfte, nachdem man sich dreissig Jahre lang an die Macht geklammert hatte. Auch damals gab es eine Bürgerrechtsbewegung und viele Menschen, die wegen ihrer Aktivitäten drangsaliert, eingekerkert, und exiliert wurden. Die berühmtesten Namen dieser Bürgerrechtsbewegung kennen wir alle, Wolf Biermann, die Havemanns, Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs, und viele andere. – All diese Menschen wurden zu Bürgerrechtlern, unter Bezugnahme auf das allgemeine Menschenrecht, und sie hatten Erfolg, weil sie von einer weltweiten Menschenrechtsbewegung unterstützt wurden. D.h., weil sie sofort in anderen Ländern Freunde fanden, weil sie auch im Exil zu Wort kamen, wobei die Mithilfe von Schriftstellerverbänden, NGOs und P.E.N. wohl kaum zu unterschätzen ist, denn nur durch deren Hilfe kommt ja jenes mediale Spiel zustande, in welchem dann auch die offizielle Politik Druck ausüben kann.
Soheil Asefi ist also Bürgerrechtler. Er schreibt und veröffentlicht. Er führt einen Blog. Er berichtet über die Zustände im Iran. Er findet das eine gut – etwa Emanzipationsmöglichkeiten für Frauen (iranische Mode) – und er findet anderes schlecht – etwa eine Steinigung wegen Ehebruchs oder Amtsmißbrauch. - In den Augen der in seinem Land herrschenden Regierung tut er damit offenbar etwas Verwerfliches. Veilleicht wirft man ihm ja sogar im Sinne Hassan Hanafis vor, den Staat zu destabilisieren oder den Islam zu verraten. - In unseren Augen tut er etwas Selbstverständliches, er nimmt sich sein Menschenrecht. Und wenn dies nun bereits eine Destabilisierung des States sein soll, wenn dieser Staat demokratische Prinzipien verkündet, tatsächlich aber die wahre Macht eine überalterte Revolutionsgarde in Händen hat; wenn man sich dort ansonsten lieber auf Geheimpolizei und Verhaftung politischer Gegner verlässt, nur weil sie etwas Missliebiges sagen, statt eine wirkliche Demokratie aufzubauen; wenn dort missliebige Bürger überwacht, berufsunfähig gemacht oder exiliert werden, dann erinnert uns das schon sehr an die ehemalige DDR – wenngleich wir daraus aber nicht ableiten sollten, dass sich die Situation dort auch genauso entwickeln wird. Denn, es gibt gewaltige Unterschiede, nicht zuletzt den, dass es für iranische Flüchtlinge eben keinen zweiten Iranischen Staat gibt, sondern nur die fragile Gemeinschaft des Menschenrechtsprozesses...
Soheil Asefi steht für viele. In seiner Person treffen sich die fragwürdigen Kräfte einer Verteidigung Islamischer Kultur, die sich vom Westen nichts dreinreden lassen will und auf der anderen Seite die mittlerweile fortgeschrittene Bewegung des Menschenrechtprozesses, die keineswegs nur "westlich" ist und auch im Iran eine starke Anhängerschaft hat.
Und hier wird nun doch noch einmal die Frage interessant, ob es wirklich zutrifft, wie was der Philosoph Hassan Hanafi behauptet, nämlich dass der Menschenrechtsprozess gewissermaßen die Ausbreitung des american Way of life ist, wobei sich vier- Milliarden Menschen vom Westen gedemütigt fühlen? Ist es denn wirklich so, dass sich die Regierungen des Ostens nur vor der schlechten Alternative sehen, entweder gleich freiwillig ihre Kultur aufzugeben oder eben als rückständige Diktatoren vor den Augen der Welt dazustehen?
Man muss der Auffassung Hanafis und seiner Freunde denke ich, zweierlei entgegenhalten.
1. Die Deklaration der Menschenechte fand zwar tatsächlich am 10. Dezember 1948 in Paris statt, aber - das islamische Recht, der Koran und die gesamte Kulturgeschichte des Islam weisen letztlich auf die gleichen Ziele. Auf Toleranz, Menschenwürde und Liberalität als Ziel staatlichen Handelns. (Und zwar mit oder ohne Trennung von Kirche und Staat!) Die Europäer haben diese Auffassungen vielleicht zum ersten Mal deklariert, aber sie haben sie letztlich vom Islam des Mittelalters gelernt, denn das Mittelalter und die beginnende Neuzeit war eine Zeit der weltweiten islamischen Kulturüberlegenheit, (das vergisst man heute gern).Wer also sagt, dass der Menschenrechtsprozess eine „westliche“ Angelegenheit und eine prowestliche Ideologie ist, verkürzt die Dimension und damit den Menschenrechtsgedanken als Menscheitserbe.
Der zweite Schönheitsfehler des Arguments liegt in der Feststellung, die Menschen im Iran und anderswo würden durch die Ausbreitung der westlichen Stile samt und sonders „gedemütigt“. Dazu ist zu sagen: Wo es so ist, liegt tatsächlich eine Schuld des Westens vor, der in der letzten Generation über viele Jahre, statt wirklich Menschenrechtspolitik zu betreiben, in Kriegspolitik zurückgefallen ist. Wer Kriegspolitik gegenüber dem Islam betreibt, der schließt tatsächlich an das 19. Jh. an, in dem Frankreich und England und zuletzt auch Deutschland Afrika, den Orient und China militärisch aufrollten und besetzten, eine Zeit, in der die europäischen Militärs ihr Überlegenheitsgefühl zelebrierten (und übgens auch die europäischen Karrikaturisten – allen voran der berühmte Daumier, aber auch unser Deutscher Carl Spitzweg - sich in zeichnerischen Orientalenwitzen ergingen, ein wahrhaft dunkles Kapitel der Kolonialzeit, die es tatsächlich auf Demütigung des Gegners anlegte, bis man gegenüber dem Ehrbegriff fremder Kulturen teilweise blind war und dies bis heute ist.
Wir sollten hier, denke ich, alle doch ein wenig gelernt haben. Etwa dass es eben nicht darauf ankommt, den Rest der Welt zu besiegen, zu kolonisieren oder zu demütigen, sondern aus Einsicht in Notwendigkeit eine Gewichtsverlagerung auf den Menschenrechtsprozess hin zu befördern. Diese Gewichtsverlagerung wäre der eigentliche Fortschritt und man darf die Hoffnung nicht aufgeben – diese Einsicht überall durchzusetzen. Menschenrechtsprozesse zu unterstützen, wo immer es geht, gerade um Kriegspolitik zu verhindern und noch existierende Kriegspolitik zu beenden, heißt heute also die Parole, und sie muß vom P.E.N. und dem europäischen Schriftstellerverband nach Kräften betrieben werden. Uns ist natürlich klar, dass längst nicht alle entscheidenden Kräfte in Ost und West von diesem Weg überzeugt sind, aber um so entschiedener sollten die Schriftsteller in diese Richtung gehen. Sie sind die ersten Nutznießer einer solchen Wende, die übrigens längst sichtbar ist.
Weil der junge Soheil Asefi für diese Wahrheit kämpft, weil er Menschenrechtsverletzungen als solche anprangert und dafür große Risiken und folgenschwere Nachteile in seiner Heimat auf sich genommen hat, und weil er den Menschenrechtsprozess auch in seinen eigenen Äußerungen als Alternative zum Konflikt darstellt, erhält er heute den Hermann Kesten Preis des deutschen Schriftstellerverbandes, wozu ich ihm hiermit herzlich gratuliere.
[1] Arno Widmann afp